Leseprobe "Das Weinen der Kinder"

 

 

Das Bett der Wiltach war übervoll vom Regen der vergangenen Tage und eisiger Wind wehte von Osten das Flussufer entlang. Eine trübe Brühe, kaum Wasser zu nennen, wälzte sich Richtung Stadtmitte, dürftig beleuchtet von den wenigen gelben Laternen am Uferweg. Um diese Uhrzeit war dort keine Menschenseele mehr unterwegs.

    Die Brücke über den Fluss war wegen Bauarbeiten abgesperrt. Dennoch wartete auf der mächtigen Stahlkonstruktion aus der Gründerzeit ein Mann ungeduldig auf die Person, mit der er sich verabredet hatte. Er hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen und fror.

    Zu seinem Erstaunen hatte Yvonne von Laatz zugesagt, ihn zu treffen. Das war unvorsichtig von ihr, denn sein Trick war unbeholfen gewesen und fadenscheiniger als die Unterhosen seiner Mutter. Er hatte nur ein paar wolkige Andeutungen gemacht, von einem russischen Kunstwerk aus obskurer Herkunft, das er gerne an den Mann bringen wolle. Und da sie gerade hier vor Ort sei und außerdem eine Koryphäe auf dem Gebiet, hätte er gerne ihre Einschätzung gehört. Er würde sich auch nicht lumpen lassen, falls ein Verkauf zustande käme.

Sie hatte ihm das Ammenmärchen geglaubt, möglicherweise aus Geldgier, viel wahrscheinlicher aber, weil sie ihre professionelle Neugier nicht zähmen konnte und sehen wollte, welchen Schund er feilbot.

   Statt einer russischen Ikone trug er allerdings eine nicht registrierte P229 unter seinem Mantel, eine kompakte, leicht zu versteckende Pistole der Firma Sauer.

  Und seinen Hass natürlich. Auf das gefühllose Monster, das sein Leben verwüstet hatte.

  Die Hochschullehrerin ließ sich Zeit. Als sie zehn Minuten überfällig war, wollte er sich schon zurückziehen. Doch dann sah er, wie sich ein Schatten aus dem Dunkel des Brückenpfeilers bei den östlichen Wiesen löste und im Schein der Laterne Gestalt annahm.

  Sie musste es sein, denn sie trug das Erkennungszeichen unter dem Arm, das er ihr vorgegeben hatte, eine Ausgabe des Wiltheimer Anzeigers.

  Das herzlose Monster kam direkt auf ihn zu, eine kleine, zierliche Gestalt in Trenchcoat und Jeans. Die Professorin. Kuchen-Yvonne.

  Viele Stunden hatte er versucht, sich einzureden, dass sie unschuldig war, dass jeder sein Schicksal selbst in der Hand hatte, und am Ende hatte er die selbstgestrickte Mär sogar beinahe geglaubt. Beinahe. Dann hatte sein zutiefst gekränktes Ich obsiegt. Frau Professor sollte büßen für das, was sie ihm angetan hatte, ihm und seiner Familie. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

  Er wollte Vergeltung.

  You can’t have your cake and eat it, hatte sie gesagt. Du kannst deinen Kuchen nicht gleichzeitig essen und behalten. Triff eine Entscheidung. Das hatte sie mit ihrer beschissenen Metapher gemeint und ungerührt niedergemäht, was ihm sein Liebstes gewesen war.

  Tausendmal verfluchte Kuchen-Yvonne.

  Sie kam näher und sah sich suchend um.

  Er trat aus dem Zwielicht des Portalturms und hob die Hand.

  Yvonne von Laatz kam langsam auf ihn zu und erwiderte den stummen Gruß. Sie trug ein Kopftuch und hatte einen Schal um den Hals geschlungen, den sie sich über den Mund bis zur Nase hochgezogen hatte, um sich vor dem grimmigen Wind zu schützen, der böig anschwellend über den Fluss fegte.

  »Frau von Laatz?«

  Sie blieb fünf, sechs Schritte entfernt von ihm stehen und nickte. Legte den Kopf zur Seite und musterte ihn.

  »Wo haben Sie das Bild?«

  »Ich habe es nicht« sagte er. Der Ostwind riss die Worte mit sich fort.

  »Weshalb sind wir dann hier?«

  Ihre Stimme klang rau und unattraktiv durch den Schal. Anders als er sie sich vorgestellt hatte. Wenn sie Angst verspürte, dann verbarg sie diese gut. Leute aus ihrer Schicht wurden mit der Gewissheit geboren, dass man jedes Problem lösen kann. Notfalls mit Geld, alles nur eine Frage des Preises, nicht wahr?

  Er zog die Pistole hervor.

  »You can’t have your cake and eat it«, sagte er langsam und richtete den kurzen Lauf der Waffe auf sie.

  Sie zeigte keine Regung. Ein Windstoß pfiff durch die Stahlpfeiler und ließ ihren Mantel flattern.

  »Eine Englischlektion mit Pistole? Das ist mal was Neues. Wollen Sie Geld?«

  Sie griff in die Tasche und warf ihm ihre Geldbörse vor die Füße.

  »Falls es um das Museum in Dürrweiding geht: Ich bin die falsche Ansprechpartnerin. Ich berate Herrn Wohlstedt nur. Wenden Sie sich an ihn.«

  »Dein albernes Museum ist mir egal. Ich will, dass du bezahlst, für das, was du uns angetan hast.«

  »Ich kenne Sie gar nicht!«

  »You can’t have your cake and eat it, nicht wahr?«, sagte er. »Das bedeutet, dass man sich entscheiden muss, und ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich werde dich töten.«

  Er machte vier schnelle Schritte auf sie zu und riss ihr den Schal vom Gesicht.

  Ihr überraschter Aufschrei verflog im Heulen des Windes.

  Er zuckte zurück.

  »Wer bist du, verdammt nochmal?«, schrie er.

  Ein kantiges, fast männlich wirkendes Gesicht mit hohen Wangenknochen war unter dem Schal hervorgekommen und sah ihn ausdruckslos an.

  »Yvonne von Laatz, wer sonst?«

  Das konnte nicht sein. Kuchen-Yvonne sah anders aus!

  Er packte sie mit der Linken an der Gurgel und drückte zu, seine ganze Frustration in fünf Finger legend.

  »Lüg mich nicht an! Wer bist du, verdammt nochmal?«

  Ein dumpfer Schmerz in der Leiste ließ ihn zusammenfahren. Sie hatte ihm ihr Knie ins Gemächt gerammt.

  Während er sich zusammenkrümmte, taumelte sie rückwärts - bloß weg von ihm - für einen fatalen Moment orientierungslos. Zwei Schritte. Drei. Dorthin, wo sich wegen der Bauarbeiten lediglich eine behelfsmäßige Brüstung befand. Ihr letzter Schritt fand keinen Halt mehr, ihre verzweifelt nach oben greifenden Arme erfassten nur Luft.

  Sie verschwand lautlos in der Tiefe.

  Seine Knie krachten, als er auf den Asphalt sackte. Wie konnte das sein? So einschneidend konnte das Alter ihr Gesicht doch nicht verändert haben!

  In seinen Ohren begann es zu sausen.

  Sie war es nicht. Sie ist es nicht gewesen!

  Verzweifelt durchwühlte er ihre Geldbörse, fand den Ausweis. Da stand der Name, Yvonne von Laatz, neben dem Bild der Frau, die soeben in den Tod gestürzt war. Aber sie war es nicht gewesen, trotzdem nicht! Sie war nicht das Monster.

  Friss oder stirb, brüllte der Ostwind ihn an und bleckte die Zähne.

  Er hatte einen unschuldigen Menschen in die Fluten der Wiltach getrieben.

  Seine verkrampften Finger lösten sich von der Pistole, die mit einem leisen Klacken auf die Teerdecke plumpste. Statt Vergeltung zu üben, hatte er Schuld auf sich geladen. Furchtbare Schuld. Und seine Gier nach Rache war noch immer ungestillt.

 

Mühsam erhob er sich. Setzte sich in Bewegung, weg von diesem schrecklichen Ort. Er begann zu rennen, den stechenden Schmerz in den Knien ausblendend, hetzte von der Brücke wie ein angeschossenes Wild, hinaus in die Dunkelheit, wo das Maul der Nacht ihn verschluckte ...